Braucht jede Bewerbung überhaupt noch ein Anschreiben?
Nein. Das Anschreiben ist heute nicht in jedem Bewerbungsprozess zwingend erforderlich. Manche Unternehmen verlangen es ausdrücklich, andere ermöglichen Bewerbungen ausschließlich mit Lebenslauf oder über vereinfachte Online-Verfahren.
Wenn es verlangt wird
Fordert die Stellenausschreibung ausdrücklich ein Anschreiben, sollte es Bestandteil deiner Bewerbung sein.
Wenn es Mehrwert liefert
Auch ohne ausdrückliche Pflicht kann ein Anschreiben sinnvoll sein, wenn Motivation, beruflicher Wechsel oder besondere Erfahrung zusätzlichen Kontext benötigen.
Wann ein Anschreiben besonders sinnvoll ist
Beruflicher Wechsel
Wenn du in eine andere Branche oder Funktion wechseln möchtest, kannst du erklären, wie deine bisherige Erfahrung auf die neue Aufgabe übertragbar ist.
Ungewöhnlicher Karriereweg
Wenn der nächste Schritt aus dem Lebenslauf nicht unmittelbar nachvollziehbar wird, kann ein kurzer Kontext helfen.
Besondere Motivation
Wenn du einen konkreten und glaubwürdigen Bezug zum Unternehmen oder zur Aufgabe herstellen kannst, gehört dieser nicht zwingend in den Lebenslauf.
Was das Anschreiben leisten soll
Der Lebenslauf zeigt hauptsächlich, was du bisher gemacht hast. Das Anschreiben kann erklären, warum genau diese Erfahrung für den nächsten Schritt relevant ist.
Verbindung herstellen
Verknüpfe konkrete Erfahrungen aus deinem bisherigen Berufsweg mit Anforderungen der ausgeschriebenen Position.
Motivation nachvollziehbar machen
Gute Motivation besteht nicht aus Begeisterungsfloskeln, sondern aus nachvollziehbaren Gründen für genau diese Aufgabe oder dieses Unternehmen.
Relevante Stärken auswählen
Nicht alle Kompetenzen gehören ins Anschreiben. Konzentriere dich auf wenige Punkte, die für die Position besonders wichtig sind.
Fragen vorwegnehmen
Ein Wechsel, eine neue Branche oder eine besondere berufliche Konstellation kann knapp eingeordnet werden, bevor unnötige Fragezeichen entstehen.
Der Aufbau eines überzeugenden Anschreibens
Betreff und eindeutiger Bezug
Mache klar, auf welche Position du dich bewirbst. Eine vorhandene Referenz- oder Kennziffer kann ergänzt werden.
Einleitung mit Substanz
Beginne nicht mit einer künstlich originellen Formulierung. Entscheidend ist, schnell einen sinnvollen Bezug zwischen dir und der Position herzustellen.
Relevante Erfahrung
Wähle zwei oder drei berufliche Punkte aus, die besonders gut zeigen, warum du zur Aufgabe passt.
Motivation und Zielrichtung
Erkläre nachvollziehbar, warum der angestrebte Wechsel zu deinem bisherigen beruflichen Weg passt.
Klarer Abschluss
Beende das Anschreiben freundlich und professionell, ohne übertriebene Selbstvermarktung oder unnötig komplizierte Schlusssätze.
Die Einleitung: Keine Floskel, aber auch keine Show
Viele Ratgeber empfehlen möglichst kreative Einstiege. Das kann funktionieren, ist aber kein Selbstzweck. Eine Einleitung sollte vor allem schnell zeigen, warum deine Bewerbung relevant ist.
„Hiermit bewerbe ich mich mit großem Interesse auf die von Ihnen ausgeschriebene Position.“
„Nach mehreren Jahren im Projektmanagement möchte ich meine Erfahrung in der Steuerung komplexer Kundenprojekte künftig stärker in einer strategisch ausgerichteten Funktion einsetzen.“
Die zweite Formulierung ist nicht deshalb besser, weil sie besonders kreativ klingt. Sie vermittelt schlicht schneller eine berufliche Richtung und einen inhaltlichen Ausgangspunkt.
Der Hauptteil: Weniger erzählen, besser auswählen
Das Anschreiben sollte nicht den gesamten Lebenslauf wiederholen. Wähle stattdessen die Erfahrungen aus, die deine Passung am stärksten belegen.
Fachliche Kompetenz
Welche Erfahrung oder Qualifikation erfüllt einen besonders wichtigen Teil der Stellenanforderung?
Konkrete Verantwortung
Welche Projekte, Teams, Kunden oder Prozesse hast du tatsächlich verantwortet?
Nachvollziehbarer Nutzen
Welche Erfahrung könnte dem neuen Arbeitgeber bei seinen konkreten Aufgaben helfen?
Zahlen und Ergebnisse: überzeugend, wenn sie belastbar sind
Zahlen können Aussagen konkret machen. Sie sind aber kein Pflichtbestandteil jedes Anschreibens und sollten niemals künstlich erzeugt werden.
Umsatzentwicklung, Projektgrößen, Teamgrößen, Zeitersparnis oder andere Kennzahlen können sinnvoll sein, wenn sie tatsächlich verfügbar und aussagekräftig sind. Ebenso überzeugend können konkrete Verantwortung, Prozessverbesserungen oder besondere fachliche Leistungen sein.
Wie lang sollte ein Anschreiben sein?
Eine Seite ist für klassische Anschreiben meist ein guter Orientierungsrahmen. Entscheidend ist jedoch nicht, jeden verfügbaren Platz zu füllen.
- kurze, verständliche Absätze verwenden
- nur relevante Informationen aufnehmen
- Wiederholungen aus dem Lebenslauf vermeiden
- zwei oder drei starke Argumente sind meist besser als sieben schwache
- Lesbarkeit vor maximaler Informationsdichte stellen
Häufige Fehler im Anschreiben
Lebenslauf nacherzählen
Wenn das Anschreiben nur Stationen wiederholt, entsteht kaum zusätzlicher Informationswert.
Standardfloskeln verwenden
Aussagen wie „hiermit bewerbe ich mich“ oder allgemeine Begeisterung machen eine Bewerbung nicht individuell.
Nur über eigene Wünsche sprechen
Karriereziele sind legitim. Der Arbeitgeber möchte aber auch verstehen, warum dein Profil für seine Aufgabe interessant ist.
Zu viele Behauptungen
„Motiviert“, „teamfähig“ oder „belastbar“ bleibt abstrakt, solange kein beruflicher Kontext dahintersteht.
Künstliche Unternehmensbezüge
Pauschale Aussagen über „Innovation“, „Marktführerschaft“ oder „spannende Unternehmenskultur“ wirken schnell austauschbar.
Zu viel Text
Ein Anschreiben verliert an Wirkung, wenn die wichtigsten Argumente erst nach mehreren langen Absätzen sichtbar werden.
Stil und Sprache: professionell statt künstlich
Ein gutes Anschreiben muss sich nicht nach Werbetext anhören. Es sollte verständlich, professionell und glaubwürdig sein.
- aktive und klare Formulierungen bevorzugen
- lange Schachtelsätze vermeiden
- unnötige Superlative reduzieren
- konkrete Erfahrung statt abstrakter Selbstbeschreibung verwenden
- einen Ton wählen, den du auch im Vorstellungsgespräch vertreten kannst
„Ein gutes Anschreiben klingt nicht möglichst beeindruckend. Es macht möglichst klar, warum ein Gespräch sinnvoll sein könnte.“
Mehler CoachingAnschreiben im digitalen Bewerbungsprozess
Auch die technische Form sollte möglichst unkompliziert bleiben. Entscheidend ist, was der jeweilige Bewerbungsprozess tatsächlich verlangt.
Online-Portal
Wenn ein Portal ein separates Anschreiben vorsieht, kann es dort hochgeladen oder in ein vorhandenes Textfeld übertragen werden.
E-Mail-Bewerbung
Der E-Mail-Text sollte kurz und professionell bleiben. Ob das eigentliche Anschreiben zusätzlich als Dokument beigefügt wird, hängt vom Bewerbungsprozess ab.
Dateiname
Ein eindeutiger, professioneller Dateiname erleichtert die Zuordnung und wirkt ordentlicher als generische Bezeichnungen.
ATS und Keywords
Relevante Fachbegriffe können sinnvoll sein, wenn sie deine tatsächliche Erfahrung korrekt beschreiben. Keyword-Stuffing verbessert kein schwaches Anschreiben.
Wann du auf ein Anschreiben verzichten kannst
Wenn ein Unternehmen ausdrücklich nur einen Lebenslauf verlangt oder ein sehr schlankes Bewerbungsverfahren anbietet, kann ein zusätzliches Anschreiben unnötig sein.
Auch wenn du im Anschreiben lediglich Standardformulierungen wiederholen würdest, ist der zusätzliche Nutzen gering. Entscheidend ist immer der konkrete Bewerbungsprozess und die Frage, ob du einen relevanten zusätzlichen Punkt vermitteln möchtest.
Fünf Fragen vor dem Absenden
- Ergänzt mein Anschreiben den Lebenslauf oder wiederholt es ihn nur?
- Wird klar, warum ich mich gerade auf diese Position bewerbe?
- Habe ich meine relevantesten Erfahrungen ausgewählt?
- Ist mein Mehrwert nachvollziehbar statt nur behauptet?
- Kann ich jede Aussage im Vorstellungsgespräch glaubwürdig vertreten?
Fazit: Ein Anschreiben braucht eine Aufgabe
Ein Anschreiben ist weder grundsätzlich unverzichtbar noch grundsätzlich überholt. Seine Wirkung hängt davon ab, ob es einen zusätzlichen Informationswert schafft.
Ein überzeugendes Anschreiben erklärt Motivation, verbindet relevante Erfahrung mit der Zielposition und macht berufliche Entscheidungen nachvollziehbar. Genau darin liegt sein Wert.
Weitere Hinweise zu Lebenslauf, Anschreiben und Vorstellungsgespräch findest du bei Mehler Coaching.
